Verflucht Normal ist ein emotionales Drama von Kirk Jones, das auf einer wahren Geschichte basiert. Es erzählt von einem jungen Mann, bei dem in den 1980er-Jahren das Tourette-Syndrom diagnostiziert wird. Trotz vieler Rückschläge kämpft er dafür, sich ein eigenes Leben aufzubauen und sich selbst zu akzeptieren.
Story
John Davidson (Scott Ellis Watson, Robert Aramayo) wächst Anfang der 1980er-Jahre in einer schottischen Kleinstadt auf und beginnt im Alter von zwölf Jahren unter unkontrollierbaren Tics zu leiden. Sein gesamtes Umfeld reagiert mit Unverständnis und ermahnt ihn, sich normal zu verhalten. Aufgrund der stärker werdenden Tics darf er bald nicht mehr am Essenstisch mit seiner Familie sitzen und wird sowohl in der Schule als auch in seiner Fußballmannschaft schikaniert. Zudem verlässt sein Vater aufgrund seiner Erkrankung die Familie ohne ein Wort des Abschieds und lässt seine Mutter Heather (Shirley Henderson) allein mit vier Kindern zurück. Die zahlreichen Veränderungen in seinem Leben setzen John psychisch zu. Nach einem Suizidversuch erkennt seine Mutter schließlich, dass ihr Sohn krank ist, und verspricht ihm, alles dafür zu tun, damit es ihm bald besser geht.
Im Anschluss macht der Film einen Zeitsprung. John ist inzwischen ein junger Erwachsener und lebt immer noch bei seiner Mutter. Inzwischen kämpft er nicht nur mit dem Tourette-Syndrom, sondern auch mit den starken Nebenwirkungen der Medikamente, die seine Tics in einem gewissen Rahmen halten sollen. Erst die zufällige Begegnung mit seinem ehemaligen Schulfreund Murray und dessen Mutter Dottie Achenbach (Maxine Peake) sorgt für eine positive Wendung in seinem Leben. Dottie begegnet John ohne Vorurteile und auf Augenhöhe. Sie besteht darauf, dass er sich fortan nicht mehr für seine Tics entschuldigt und spricht ihm auch die Medikamente ab, weil sie ihm nicht gut tun. Mit Dotties Unterstützung bessert sich sein Zustand und er beginnt sich ein eigenständiges Leben aufzubauen.
Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen und starke Emotionen in mir hervorgerufen. Johns Leben wird von verschiedenen Seiten beleuchtet und sowohl die Rückschläge als auch die Hoffnungsschimmer sind wirkungsvoll inszeniert. Besonders Johns Schwierigkeiten im Alltag sind mir sehr nahe gegangen, weil sie nie oberflächlich wirken, sondern nachvollziehbar vermitteln, wie sehr ihn seine Krankheit sozial einschränkt und innerlich belastet. Trotzdem verliert der Film nie seine gelungene Balance aus emotionalen und witzigen Momenten, vor allem durch den teils trockenen britischen Humor.
Schauspieler
Scott Ellis Watson übernimmt bei seinem Schauspieldebüt in den ersten 25 Minuten des Films die Rolle des jungen John und zeigt eine sehr gute und emotional geladene Leistung mit einigen sehr prägnanten Momenten. Die mit Abstand beeindruckendste schauspielerische Leistung des Films liefert jedoch Robert Aramayo, der John im Erwachsenenalter verkörpert. Seine Darstellung wirkt verletzlich, authentisch und intensiv. Besonders die Darstellung der Tics und die emotionalen Momente bringt er mit einer solchen Authentizität auf die Leinwand, dass ich zeitweise vergessen habe, dass ich einem Schauspieler bei der Arbeit und nicht John in seinem Alltag zusehe. Der britische Schauspieler war bislang vor allem durch Serien wie Game of Thrones und Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht bekannt, aber auch schon in kleinen Rollen in Hollywood-Produktionen wie Nocturnal Animals und The Empty Man zu sehen. In Verflucht Normal bekommt er die Gelegenheit, eine deutlich komplexere und emotional forderndere Rolle zu spielen. Für mich zählt seine Darstellung zu den stärksten Schauspielleistungen der letzten Jahre.
Auch Maxine Peake als Dottie überzeugt und bringt eine Wärme in den Film, die viele Szenen emotional zusätzlich verstärkt. Ihre Darstellung wirkt sehr natürlich und menschlich und die Chemie zwischen ihr und Robert Aramayo funktioniert hervorragend. Sie zählt seit vielen Jahren zu den angesehensten Schauspielerinnen Großbritanniens und war unter anderem in Serien wie Shameless und Black Mirror zu sehen. In Verflucht Normal beweist sie erneut, wie viel sie mit ihrer Präsenz zur Atmosphäre eines Films beisteuern kann.
Shirley Henderson übernimmt die Rolle von Johns Mutter Heather und trägt mit ihrer starken Darstellung besonders im ersten Akt zur bedrückenden Atmosphäre der Ereignisse in Johns Kindheit bei. Sie vermittelt die Überforderung, Erschöpfung und das anfängliche Unverständnis der Mutter auf authentische Weise und bleibt trotz ihrer vergleichsweise kleinen Rolle eines der Highlights des Films. Seit Jahrzehnten gehört Shirley Henderson zu den bekanntesten Gesichtern des britischen Kinos und war unter anderem in Trainspotting und dem Harry Potter Franchise zu sehen.
Peter Mullan verkörpert Tommy Trotter, den Hausmeister eines Gemeindezentrums, der John im Verlauf der Geschichte begegnet und mit seiner rauen, aber gleichzeitig auch ehrlichen und menschlichen Art zweifellos prägt und zu einem engen Freund wird. Viele zwischenmenschliche Momente der beiden sind gleichermaßen zum Schreien komisch und emotional aufgeladen und gehören durch Peter Mullans starke Präsenz zu den einprägsamsten der Geschichte. Auch er gehört zu den bedeutendsten Darstellern Großbritanniens und wurde besonders durch den Film Tyrannosaur bekannt. Wie Shirley Henderson war auch er in Trainspotting sowie in einer kleinen Rolle als Todesser in den letzten beiden Harry-Potter-Filmen zu sehen.
Regie
Regisseur Kirk Jones dürfte vielen Zuschauern vor allem durch Eine zauberhafte Nanny bekannt sein, aber hat in seiner Karriere erst sechs Filme gedreht. Sein letzter Film My Big Fat Greek Wedding 2 ist bereits zehn Jahre her und war zwar ein kleiner monetärer Erfolg, aber blieb im Vergleich zum ersten Teil trotzdem hinter den finanziellen und qualitativen Erwartungen. Kurz darauf beschloss Kirk Jones Hollywood den Rücken zu kehren und in seine Heimat nach Großbritannien zurückzuziehen. Dort plante er in den letzten Jahren sein Traumprojekt Verflucht Normal, das er mit seiner Frau komplett aus eigener Tasche finanzierte und damit ein hohes Risiko einging, um die vollkommene kreative Kontrolle über das Projekt zu behalten und keine Kompromisse mit einem Studio eingehen zu müssen. Auch Teile des Teams, wie Schauspieler Peter Mullan, akzeptierten eine radikale Kürzung ihres Gehalts, um das Projekt möglich zu machen und mitwirken zu können.
Kirk Jones bleibt bei der Regie von Verflucht Normal bewusst zurückhaltend und stellt damit die Geschichte sowie die Darsteller in den Mittelpunkt. Zu keinem Zeitpunkt werden Emotionen überinszeniert und die Mischung aus humorvollen und bedrückenden Momenten wird auf authentische Art und Weise mithilfe der effektiven Figurenzeichnung erzeugt.
Nachbearbeitung
Die Nachbearbeitung bleibt ebenfalls dezent und unaufdringlich, um nicht von der authentischen Darstellung der Geschichte und Figurenzeichnung abzulenken. Vor allem der Schnitt von Sam Sneade trägt maßgeblich zum gelungenen Erzählrhythmus bei und auch der Entschluss Johns Kindheit am Anfang des Films intensiv zu beleuchten, um anschließend einen Zeitsprung in sein Erwachsenenleben zu wagen, erweist sich als kreative Entscheidung, die sich auszahlt.
Spezialeffekte werden nur genutzt, um den Film optisch in das Schottland der 1980er und 90er Jahre zu versetzen. Sie retuschieren beispielsweise moderne Elemente, die beim Dreh im Hintergrund zu sehen waren.
Musik
Die musikalische Gestaltung setzt sich aus dem Original Score von Komponist Stephen Rennicks und einem Soundtrack zusammen. Stephen Rennicks ist bekannt für seine Arbeit am oscar-prämierten Film Raum sowie in der vielfach ausgezeichneten Miniserie Normal People. Sein Score in Verflucht Normal bleibt subtil, aber untermalt besonders die emotionalen Momente auf äußerst effektive Art und Weise.
Besonders hervorzuheben ist jedoch der von Musik-Supervisorin Kirsten Lane zusammengestellte Soundtrack. Mit einer Mischung aus britischem Pop, Indie-Rock und Synthpop fängt er den Zeitgeist der 1980er- und 1990er-Jahre authentisch ein. Kirsten Lane machte zuletzt auch einen guten Job bei Glenkill: Ein Schafskrimi und Apex und überzeugt hier erneut mit einer passenden Songauswahl, die vorwiegend in Johns glücklichen Momenten Verwendung findet, was mir sehr gut gefallen hat. Auch ein paar bekannte Songs wie Alright von Supergrass werden passend eingesetzt und ganz besonders hat mir gefallen, dass Blue Monday von New Order in der Eröffnungssequenz verwendet wurde.
Filmkritk
Fazit
Verflucht Normal ist ein menschliches und authentisches Drama, das besonders durch seine einfühlsame Geschichte und die herausragenden schauspielerischen Leistungen überzeugt. Auch die gelungene Balance aus emotionalen und humorvollen Momenten sowie die stimmige musikalische Untermalung tragen zur starken Wirkung des Films bei. Regisseur Kirk Jones gelingt es mit einer zurückhaltenden Regie, den Figuren und ihren Emotionen viel Raum zu geben und einen eindrucksvollen Film abzuliefern, der noch lange nach dem Abspann im Kopf bleibt.


