Der Westen sieht sich gerne als moralische Instanz, die über allem steht. Doch wie weit sind Sie bereit, diesen Kodex zu beugen oder gar zu brechen, wenn nicht nur Sie, sondern auch Ihre eigene Familie bedroht wird? Unthinkable spinnt ein Szenario, dass das Undenkbare möglich macht.
Story/Inhalt
Der ehemalige amerikanische Elitesoldat und Sprengstoffexperte Steven Arthur Younger hat drei Atombomben in den USA versteckt. In seinem Bekennervideo droht er damit, dass sie am Freitag zünden werden. FBI, CIA und Militär haben also weniger als eine Woche Zeit um Younger dazu zu bringen die Verstecke zu verraten.
Da die Verhörmethoden des Militärs keine Ergebnisse bringen, wird der ehemalige Black-Ops Verhörexperte Henry Herold Humphries, von allen nur H genannt, reaktiviert. Der Experte hatte am Balkan, wo er seine bosnische Frau kennenlernte, sowie in Afghanistan und dem Irak bereits fundamentalistische Terroristen zum Reden gebracht. Seine Methoden sind viel rabiater als die des Militärs. Dadurch werden mehr Probleme geschaffen als gelöst. Die FBI-Agentin Helen Brody wird H zugeteilt, um ihn zu unterstützen. Nach mehreren Verhören, die Brody mehrfach an die Grenze des Ertragsbaren bringen, gibt Younger schließlich einen Standort bekannt. Die Verlässlichkeit der Information wird angezweifelt, weil Brody mehrfach betont, dass Aussagen unter Folter meist unbrauchbar sind. Am gebannten Ort finden sie dann keine der Atombomben, sondern nur einen Auslöser, der ein Einkaufzentrum zerstört. Das bestätigt Brody und treibt H nur zu neuen, noch grausameren Methoden.
Während die Zeit immer knapper wird, verlangt H das Undenkbare: er verlangt, dass Youngers Frau und Kinder hergebracht werden. Wenn er nicht reden will, egal was man ihm antut, gibt er vielleicht nach, wenn H Youngers Familie foltert. Doch selbst als Younger Adressen nennt, bleibt unklar, ob sie stimmen. Und H führt ein weiteres Argument an, warum man trotzdem weitermachen sollte: Es fehlt der Ort der vierten Bombe.
Schauspieler
Samuel L. Jackson (The Marvels, Pulp Fiction) spielt den Verhörexperten H. Ein erfahrener Veteran, für den das Foltern zum Tagesgeschäft geworden ist. Einerseits hat er kein Problem damit Younger in Scheibchen zu schneiden, andererseits ist er liebender Ehemann und Vater. Entweder hat ihn die Aufgabe abgestumpft oder abgehärtet. Jedenfalls ist er bereit, jede Grenze zu durchbrechen und jede Vorgabe über Bord zu werfen, um ein positives Ergebnis zu erreichen.
Carrie-Anne Moss (bekannt aus „Matrix“ und „Memento“) ist als FBI-Agentin Helen Brody der moralische Kompass von H. Er verlangt, dass sie ihm assistiert, und bemerkt jedes Mal, wenn sie eine Grenze erreicht hat. Passend dazu nennt er das, was als Nächstes nötig wäre, um Younger zum Reden zu bringen. Aber ihre Moralvorstellungen verhindern das.
Michael Sheen (Good Omens) spielt Steven Arthur Younger, einen ehemaligen Soldaten, der aufgrund seiner Erfahrungen im Irak zum Islam konvertiert ist. Nun will er Amerika mit Material treffen, das er bei einem Auftrag in Russland gestohlen hat – mit Billigung des Irans. Unbeugsam hält er jede Maßnahme von H stoisch durch, erst als seine Frau und Kinder bedroht werden, gibt er scheinbar nach.
Weitere Rollen spielen Stephen Root (Get Out), Martin Donovan (The Apprentice, Tenet), Brandon Routh (Superman: Returns) sowie Sasha Roiz (Grimm, Memory Effect).
Regie
Gregor Jordan drehte in seinen frühen Jahren immer gesellschafts- und amerikakritische Filme. In „Army Go Home“ etwa über Schwarzmarkt- und Drogengeschäfte innerhalb der US Army kurz vor dem Mauerfall. 2003 drehte er auch eine Biografie über Ned Kelly, die allerdings weniger Starpower hatte wie Justin Kurzels Version aus dem Jahr 2019. Seit 2014 dreht Jordan mehrheitlich Serien.
Sein Film ist ein strammer Thriller, der auch bei der Folter von Younger nicht wegschwenkt. Egal, ob die „Standardmethoden“ wie Schlafentzug, Hitze und Kälte, Wasser, Lärm und laute Musik oder die „unkonventionellen“ Methoden zum Einsatz kommen – H macht von Beginn an seinen Standpunkt klar, indem er gleich ein Fingerglied abtrennt.
Nachbearbeitung
Hier wagt Regisseur Jordan das „Undenkbare“: einerseits nimmt er das schlimmste anzunehmende Szenario für Terrorismus, nämlich dass die Anschläge mit dreckigen Bomben verübt werden. Anderseits zeigt er auch auf, dass es nötig sein könnte, das „Unthinkable“ zu unternehmen, um den Anschlag zu verhindern. Ein moralischer Spagat, bei dem jeder für sich entscheiden muss, wo die Grenze der Vertretbaren verläuft.
H spricht mit Brody auch darüber, was er in Bosnien gesehen hat, beziehungsweise was seine Frau dort erdulden musste. Anstatt sie für ihre Handlungen zu bestrafen, entschied H sich, sie zu heiraten und mit ihr zusammen zu heilen. Seine Frau und Familie sind sein Rettungsanker, während Amerika ihn immer und immer wieder in seine Arbeit zurückholt, bei der er Dinge tut, die ihn ohne diesen Rückhalt zerbrechen würden.
Agent Brody sieht sich moralisch überlegen. Auf Befehl ihrer Vorgesetzten sieht sie jedoch lange zu, wie H arbeitet. Sie ist zwar erschüttert, schreitet aber so gut wie nie ein, um etwas zu unterbinden. Der moralische Spiegel, den H ihr vorhält, ignoriert sie sehr lange.
Aufmerksamen Zusehern ist bereits in der Hälfte des Films aufgefallen, dass es eine vierte Bombe geben könnte. Man muss kein mathematisches Genie sein, um festzustellen, dass drei Mal eineinhalb Pfund pro Bombe weniger sind als die 15 bis 18 Pfund Material, die Younger abgezweigt hat.
Filmkritk
Fazit
Wie können Sie die einleitende Frage beantworten? Dieser Film macht das Undenkbare und stellt unsere Moralvorstellungen bloß, wenn es darum geht sich mit einem Feind auseinanderzusetzen, für den nicht dieselben Regeln gelten wie für uns. Doch anzunehmen, dass der Gegenspieler sich diesen Regeln beugt, ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls fahrlässig. Auch wenn der Film das Ende offenlässt, es bedarf keiner Frage, um die Antwort zu liefern, was hier geschah. Bleibt nur die Frage: war es das wert?


