Dies ist ein Film, der auf dem Locarno Festival 2026 gezeigt wurde.
In Ich ist ein Anderer wird ein Zug zum Schauplatz eines Kammerspiels zwischen Felix Kersten, dem ehemaligen Masseur Heinrich Himmlers, und der unnachgiebigen Journalistin Hedda Wohmann, die nach der Wahrheit über die Befreiung tausender aus den Konzentrationslagern freigelassener Juden strebt.
Story
Im Jahr 1952 plant die Journalistin Hedda Wohmann (Valerie Pachner) anlässlich seiner Nominierung für den Friedensnobelpreis ein Porträt über Felix Kersten (Claes Bang) zu veröffentlichen. Der ehemalige persönliche Masseur Heinrich Himmlers (Martin Müller), des Reichsführers der SS, soll maßgeblich an der Befreiung tausender KZ-Häftlinge beteiligt gewesen sein. Die junge Journalistin beschließt für Nachforschungen eine Pressekonferenz mit Felix Kersten in Oslo zu besuchen. Auf der Fahrt dorthin trifft sie ihn in ihrem Zugabteil und bittet ihn um ein Interview. Als er einwilligt, entwickelt sich aus der Zugreise ein packendes Kammerspiel voller Lügen und Enthüllungen. Ab diesem Moment bricht die Geschichte die lineare Erzählstruktur auf und springt immer wieder in die Vergangenheit, um Felix Kerstens Schilderungen aus der SS-Zeit filmisch darzustellen. Während er sich als Retter inszeniert, bohrt Hedda Wohmann unnachgiebig nach den Einzelheiten, um der ganzen Wahrheit auf die Spur zu kommen.
Die Geschichte hat mir gut gefallen, weil sie durch die Rückblicke wirkungsvoll vorangetrieben wird und in der Gegenwart durch eine spannende Dynamik der Charaktere überzeugt, die sich ständig zwischen Wertschätzung und Argwohn bewegt. Zudem wendet der Film das Stilmittel der unzuverlässigen Erzählweise an, die für narrative Überraschungen sorgt und die Zuschauer in Atem hält, weil die Glaubwürdigkeit der Charaktere immer wieder infrage gestellt wird. Im letzten Akt verliert die Handlung leider etwas an Glaubwürdigkeit, weil es die eine oder andere Wendung zu viel gibt, auf die ich nicht näher eingehen kann. Dadurch hat das Ende einen weniger guten Eindruck hinterlassen als der Rest des Films.
Schauspieler
Die Journalistin Hedda Wohmann wird von Valerie Pachner gespielt, die bereits kleine Rollen in Hollywoodfilmen wie The King’s Man vorweisen kann und zuletzt die Hauptrolle im gefeierten Drama Vier Minus Drei verkörperte. In Ich ist ein Anderer überzeugt sie mit ihrer starken Mimik, die mit zahlreichen Nahaufnahmen wirkungsvoll in Szene gesetzt wird. Sie stellt die Unnachgiebigkeit und Unverfrorenheit ihrer Figur, die dringend einen beruflichen Erfolg braucht, sehr überzeugend dar.
Felix Kersten wird von Claes Bang gespielt, der seit vielen Jahren zu den gefragtesten Schauspielern Dänemarks zählt und dessen Leistungen immer zu den Höhepunkten seiner Filme gehören. Er war unter anderem in Robert Eggers‘ The Northman sowie in der Miniserie Dracula zu sehen, die von BBC und Netflix koproduziert wurde. In Ich ist ein Anderer strahlt er eine Ruhe und Selbstsicherheit aus, die die Autorität seiner Figur herausragend widerspiegelt. Es gelingt ihm, für den Zuschauer vollkommen undurchschaubar zu wirken und dadurch die Spannung hochzuhalten.
Heinrich Himmler, der Reichsführer der SS, wird von Martin Müller verkörpert, der in zahlreichen Rückblenden von Bedeutung ist, verglichen mit Hedda Wohmann und Felix Kersten aber eine deutlich kleinere Rolle in der Geschichte spielt. Martin Müller ist hauptsächlich aus deutschen Ermittlungsserien wie Tatort und Polizeiruf 110 bekannt und spielt Heinrich Himmler solide und der Geschichte dienlich. Ich hätte mir dennoch mehr Intensität von ihm gewünscht, da er nur sporadisch das Bild eines Massenmörders wirksam darstellt.
Der Rest des Casts, wie Timocin Ziegler als Winfried Wohmann, Hedda Wohmanns Ehemann sowie Susanne Wuest als Irmgard Kersten, Felix Kerstens Ehefrau, zeigt eine solide Leistung, kann aber im Gegensatz zu Valerie Pachner und Claes Bang nicht glänzen.
Regie
Regisseur Felix Randau inszeniert mit Ich ist ein Anderer seinen vierten Spielfilm und feiert die Premiere wie zuletzt mit Der Mann aus dem Eis erneut beim Locarno Filmfestival. Das Setting im Zug bringt er wirksam zur Geltung, weil die schmalen Abteile und Flure hervorragend zu einer spannenden Atmosphäre beitragen. Durch dieses intime Kammerspiel liegt der Fokus noch stärker auf den interessanten Hauptfiguren. Auch die Entscheidung nach dem ersten Akt die Geschichte nicht mehr linear zu erzählen, um die vergangenen Ereignisse auch visuell erfahrbar zu machen, funktioniert sehr gut. Deshalb finde ich die Regie rundum zufriedenstellend, auch wenn ich mir an manchen Stellen mehr Kreativität und Mut bei der Kameraführung gewünscht hätte.
Nachbearbeitung
Der Schnitt von Joana Scrinzi verbindet die Zugfahrt mit den Ereignissen aus Felix Kerstens Vergangenheit und erzeugt dadurch einen dynamischen Erzählfluss, der ständig neue Informationen aufdeckt, aber vereinzelt auch gezielt zurückhält, um die Spannung bis zum Ende aufrechtzuerhalten.
Das Sounddesign von Johannes Baumann, Manuel Grandpierre und Sebastian Schmidt ist besonders im Zug sehr präsent und liefert mit dem Rattern der Räder auf den Schienen, dem Rütteln der Inneneinrichtung und dem Wind, der durch die geöffneten Fenster zieht, eine authentische Ergänzung der gelungenen Atmosphäre.
Musik
Der Film kommt großteils ohne Musik aus und setzt mehr auf Soundeffekte und authentische Dialoge. Wenn Bernhard Fleischmanns Musik einsetzt, bleibt sie subtil und setzt auf sanfte Klänge, die meist von einem klassischen Klavier dominiert werden.
Filmkritk
Fazit
Ich ist ein Anderer überzeugt besonders durch die starke Dynamik zwischen Valerie Pachner und Claes Bang und seine unvorhersehbare Erzählweise. Diese droht leider zum Ende hin repetitiv zu werden und findet kein vollkommen befriedigendes Ende, doch die nicht-lineare Struktur sorgt dafür, dass das atmosphärische Kammerspiel bis zum Ende interessant bleibt. Auch technisch hinterlässt der Film mit seinem äußerst authentischen Setting sowie einer wirkungsvollen Geräuschkulisse im Zug einen guten Eindruck und konnte mich insgesamt positiv überraschen.


