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Filmkritik: All of a Sudden

von Brijan Wilson
21. August 2026
in Filme, Kritiken
0
All of a Sudden szenebild

Cinéfrance Studios - Julien Panié

Dies ist ein Film, der auf dem Locarno Festival 2026 gezeigt wurde.

All of a Sudden ist ein meditatives Drama über die Leiterin eines Pflegeheims, die sich dafür einsetzt, eine würdevollere und persönlichere Form der Pflege für die Bewohner einzuführen. Regisseur Ryusuke Hamaguchi thematisiert, was es bedeutet, einen Menschen trotz Krankheit als Menschen zu behandeln, und hinterfragt dabei das kapitalistische System.

Story

Marie-Lou (Virginie Efira) ist seit zwei Jahren Leiterin eines Pflegeheims und legt großen Wert auf das Humanitude-Konzept, bei dem insbesondere die zwischenmenschliche Beziehung zu den Bewohnern sowie deren Mobilität im Mittelpunkt steht. Die Kehrseite des Konzepts ist, dass es eine Fortbildung voraussetzt und in der Umsetzung mehr Personal in Anspruch nimmt. Personal, das Marie-Lous Pflegeheim fehlt, weshalb die Angestellten unter Druck stehen und die Stimmung sehr angespannt ist.

Eines Tages lernt sie durch einen Zufall die Theaterregisseurin Mari (Tao Okamoto) kennen und besucht ihr Stück mit dem Namen „Aus der Nähe ist niemand normal“. Es handelt von dem italienischen Psychiater Franco Basaglia, dessen Kritik an geschlossenen psychiatrischen Anstalten zu einer Reform führte, die im Jahr 1978 die Schließung aller geschlossenen psychiatrischen Anstalten Italiens einleitete. Ihm war es wichtig, psychisch kranken Menschen ein möglichst selbstbestimmtes Leben in ihrem sozialen Umfeld zu ermöglichen. Der Schauspieler Goro (Kyozo Nagatsuka) spielt auf der Bühne Franco Basaglia, während sein autistischer Enkel Tomoki (Kodai Kurosaki) ihm regelmäßig spontan Gesellschaft leistet, wenn ihm die Aufführung gefällt. Beinahe beiläufig erwähnt Mari in der Fragerunde nach dem Theaterstück, dass ein solcher Wandel in Japan niemals möglich sein werde, weil die Denkweise einer Aufteilung von „krank“ und „gesund“ dort zu festgefahren sei. Sie habe das Stück geschrieben, um sich selbst Mut zu machen, dass das Unmögliche vielleicht doch eines Tages möglich werden könnte.

Marie-Lou berührt das Stück zutiefst, weil es ihr neuen Mut gibt, dass ihr Weg, ihr Pflegeheim zu leiten, der richtige ist. Sie und Mari haben viel gemeinsam und entwickeln fortan eine tiefe Verbundenheit zueinander. Sie teilen persönliche Geheimnisse, unterstützen sich bei ihren Problemen und weichen einander nicht mehr von der Seite.

Die Handlung hat mir sehr gut gefallen, weil die Thematik des Effizienzdenkens in der Pflege ein spannender Ausgangspunkt für die besondere Freundschaft von Marie-Lou und Mari ist. Daraus entwickelt sich eine vielschichtige Geschichte, in der sich die beiden Frauen sowohl persönlich näherkommen als auch beruflich unterstützen. Besonders gelungen finde ich, dass ihre Freundschaft nicht losgelöst von den zentralen Themen des Films entsteht, sondern sich aus ihrem gemeinsamen Verständnis von Fürsorge und Menschlichkeit entwickelt.

Schauspieler

Marie-Lou wird von Virginie Efira verkörpert, die ihre Karriere als Moderatorin im belgischen und französischen Fernsehen begann. In den vergangenen zehn Jahren hat sie sich durch überzeugende Leistungen in hochkarätigen Dramen und Thrillern wie Elle und Benedetta einen Namen gemacht. In All of a Sudden wirkt Marie-Lous Charakterentwicklung von einer nachdenklichen und erschöpften zu einer überzeugten und gestärkten Pflegeheimleiterin durch Virginie Efiras Schauspiel glaubwürdig, und ihre vielsagenden Blicke haben mich regelmäßig berührt.

Mari wird von Tao Okamoto gespielt und verleiht ihr eine ruhige und vertraut wirkende Präsenz, bei der sich nicht nur Marie-Lou, sondern auch man selbst als Zuschauer sofort wohlfühlt. Tao Okamoto ist vorwiegend aus den Serien Hannibal und Westworld sowie dem Film Wolverine: Weg des Kriegers bekannt. In All of a Sudden glänzt sie mit einer der besten Schauspielleistungen des Jahres, weil sie die Verbundenheit, die Mari zu Marie-Lou spürt, so authentisch darstellt, dass ihre Gespräche stellenweise dokumentarisch wirken können. Damit zahlt sich die zehnmonatige Textvorbereitung von Tao Okamoto mit Regisseur Ryusuke Hamaguchi aus. Hamaguchi legt bei seinen Hauptdarstellern großen Wert darauf, Dialoge zunächst monoton zu üben und zu verinnerlichen, bevor sie vor der Kamera aus der Erinnerung mit Emotionen gefüttert werden. Diese Methode soll dazu dienen, dass die Schauspieler ihre Emotionen authentischer aus dem Drehbuch in den Film transportieren können.

Kyozo Nagatsuka als Bühnenschauspieler Goro und Kodai Kurosaki als sein autistischer Enkel Tomoki können ebenfalls überzeugen. Auch die Pflegeheimmitarbeiter wie Jean-Charles Clichet als Olivier, Marie Bunel als Sophie und Gabriel Dahmani als Djibril passen gut ins Bild, doch der Film ist eindeutig eine Two-Woman-Show von Virginie Efira und Tao Okamoto.

Beim diesjährigen Cannes Film Festival teilten sich Virginie Efira und Tao Okamoto den angesehenen Preis für die beste Schauspielerin des Festivals.

Regie

Regisseur Ryusuke Hamaguchi kehrt nach Evil Does Not Exist und Drive My Car, für den er im Jahr 2022 den Oscar für den besten internationalen Film gewann, mit All of a Sudden zurück, der bei seiner Premiere auf dem Cannes Film Festival hohe Wellen schlug und Kritiker und Zuschauer gleichermaßen begeisterte.

Seine Inszenierung ist erneut, ganz nach seinem Stil, sehr dialoglastig, und das ist in diesem Fall Fluch und Segen zugleich. Die Gespräche, in denen Marie-Lou und Mari sich Persönliches offenbaren und näherkommen, entfalten eine große Wirkung und haben mich verzaubert. Wenn die beiden jedoch über das paradoxe kapitalistische System und dessen Auswirkungen auf pflegebedürftige Menschen sprechen, wirkt es oftmals, als würde das Drehbuch den Zuschauern seine Botschaften mit Worten ins Gehirn hämmern, anstatt ihnen etwas zum Nachdenken mitzugeben oder Themen mit Bildsprache zu erarbeiten. Dadurch hat sich bei mir das Gefühl eingestellt, dass der Film mich mit der Masse an Worten über seine 196-minütige Laufzeit schlichtweg ermüdet, auch wenn die Dialoge gut geschrieben sind und mir größtenteils gefallen haben. Natürlich liegt die große Bildgewalt nicht in Hamaguchis Natur, aber ich hätte mir gewünscht, dass der Film stellenweise mehr Wert auf eine visuelle Erzählung legt.

Außerdem nutzt Hamaguchi regelmäßig Datumsangaben als erzählerisches Bindeglied, was mir nicht so gut gefallen hat, aber auch kein großer Kritikpunkt ist.

Positiv hervorzuheben ist dagegen sein Umgang mit der Zweisprachigkeit des Films, die zu keinem Zeitpunkt störend wirkt, sondern sich organisch entfaltet. Virginie Efira und Tao Okamoto entwickeln ein fließendes Wechselspiel aus Japanisch und Französisch, durch das die Beziehung zwischen Marie-Lou und Mari eine noch tiefergehende Bedeutung erlangt.

Nachbearbeitung

In der Nachbearbeitung ist der Schnitt ganz klar hauptverantwortlich für die langsame Erzählweise und meditative Atmosphäre. Die Geschichte braucht dieses Tempo auch, um die Figuren und ihre Beziehung zueinander wirkungsvoll darzustellen. Im zweiten und dritten Akt gibt es aber durchaus Momente wie eine an einem Whiteboard veranschaulichte Diskussion über den Kapitalismus oder eine fußbezogene Pflegemethode, die zwar wichtig sind, aber nach einer Weile repetitiv wirken und sich thematisch auch zu häufig wiederholen. Deshalb halte ich das Erzähltempo zwar für notwendig, die Laufzeit des Films aber nicht.

Musik

All of a Sudden setzt selten auf musikalische Untermalung, sondern lässt die Dialoge und Geräusche der Umgebung für sich wirken, was mir gut gefallen hat. Wenn Musik einsetzt, bleibt sie jederzeit subtil, langsam und elegant, und wird dabei von Klaviertönen bestimmt.

Filmkritk

Fazit

7.4 Ergebnis

Ryusuke Hamaguchi gelingt mit All of a Sudden ein eigenwilliges und sehr menschliches Drama, das besonders durch die herausragenden schauspielerischen Leistungen von Virginie Efira und Tao Okamoto überzeugt. Auch die ruhige Inszenierung und das sprachliche Wechselspiel aus Japanisch und Französisch tragen zur gelungenen Atmosphäre bei. Die Geschichte verliert durch die enorme Laufzeit und die sich wiederholenden gesellschaftlichen Diskussionen bedauerlicherweise stellenweise an Wirkung, berührt aber durch ihre thematische Relevanz und der ungewöhnlichen Beziehung der Hauptfiguren dennoch. Ich spüre, wie der Film bei mir nachwirkt und freue mich darauf, ihn bald ein zweites Mal zu sehen.

Fazit

  • Story 0
  • Schauspieler 0
  • Regie 0
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All of a Sudden Trailer

Tags: Drama
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