Dies ist ein Film, der auf dem Locarno Festival 2026 gezeigt wurde.
Im Familiendrama The Green Eyes verbinden die Regisseure Fanny Liatard und Jérémy Trouilh zeitgemäße Schicksalsschläge von Flüchtlingsfamilien mit magischem Realismus und erschaffen so eine interessante Parabel über Traumata und Zusammenhalt.
Story
Die Geschichte beginnt bei einer Asylanhörung, bei der Vater Rafi (Omar Al Jbaai), Sohn Nour (Sayyid El Alami) und Tochter Chaya (Douae Butarbuch Mzaouki) darum kämpfen, in Frankreich bleiben zu dürfen. Besonders Nour und Chaya haben bereits viele und enge Freunde gefunden und haben fleißig Französisch gelernt, sodass sie die Sprache bereits im eigenen Haushalt miteinander sprechen. Auf die Geschwisterliebe wird in der Inszenierung viel Wert gelegt. Nour und Chaya sind glückliche Kinder, verbringen viel Zeit zusammen und besonders gerne in der Natur.
Als ihr Asylantrag jedoch abgelehnt wird und sie innerhalb eines Monats das Land verlassen müssen, stürzt das Kartenhaus der Familie ein. Kurzerhand entscheidet sich Rafi seine Kinder zu verlassen, um kurzfristig genug Geld zu verdienen, um mit ihnen in England unterkommen zu können. Vom einen auf den anderen Tag muss Nour erwachsen werden und sich alleine um seine kleine Schwester kümmern. Unter dem Druck der näher rückenden Abschiebung und seiner großen Verantwortung verfällt Nour in einen tiefen Schlaf, der Resignationssyndrom genannt wird. Diese seltene, psychosomatische Erkrankung betrifft meist traumatisierte Flüchtlingskinder, die nach abgelehnten Asylanträgen in einen komaähnlichen Zustand verfallen. In diesem verbleiben die Kinder meist monatelang und die oft einzig wirksame Therapie ist die Wiederherstellung von Sicherheit durch eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Als Chaya die Ernsthaftigkeit der Situation bewusst wird, versucht sie, Nour in ihren eigenen Träumen zu finden und wieder ins Leben zurückzuholen.
Die Prämisse hat mich gereizt und die Kameraarbeit sowie die Chemie zwischen Nour und Chaya schaffen zu Beginn eine wirkungsvolle Atmosphäre. Als Nour jedoch krank wird, tritt der Film kräftig auf die Bremse und die beiden haben kaum noch gemeinsame Momente, die emotional überzeugen. Es fehlt in der zweiten Hälfte grundsätzlich an Handlung und Highlights, während der Film an einer Aneinanderreihung von Metaphern und magischem Realismus langsam an Momentum verliert und schließlich ein unbefriedigendes Ende findet, ohne jemals tief genug in die interessante Thematik einzutauchen. Es kommt hinzu, dass weitere eingeführte Figuren, wie Chayas Lehrerin Marion (Anamaria Vartolomei) und Nours enger Freund Ben (Arcadi Radeff) weder eine ordentliche Charakterzeichnung noch eine relevante und glaubwürdige Rolle in der Geschichte spielen.
Schauspieler
Chaya ist die Hauptfigur des Films und wird von Douae Butarbuch Mzaouki gespielt, die die Verzweiflung und Trauer einer kleinen Schwester glaubhaft auf mich transportieren konnte. Zudem ist es ihr Filmdebüt und dafür macht sie wirklich einen guten Job.
Chayas Bruder Nour wird von Sayyid El Alami verkörpert, der bereits in zahlreichen Projekten wie beispielsweise in Ein Gentleman in Moskau mit Ewan McGregor mitgewirkt hat. In The Green Eyes kann er besonders im ersten Akt eine solide Leistung zeigen. Je länger der Film geht, desto weniger rückt er in den Fokus, aber insgesamt spielt er den überforderten, aber liebevollen großen Bruder überzeugend.
Die weiteren Figuren bekommen zu wenig Verantwortung in der Geschichte, um ihre Leistungen einschätzen und wertschätzen zu können. Besonders schade finde ich das bei Anamaria Vartolomei, die als Lehrerin Marion eine sehr sparsame und nicht zufriedenstellende Charakterzeichnung erhält, obwohl sie eine starke Schauspielerin ist, die viel Erfahrung aus Filmen wie Mickey 17 und Der Graf von Monte Christo mitbringt.
Regie
Auch wenn das Regie-Duo Fanny Liatard und Jérémy Trouilh besonders im letzten Akt der Geschichte an ihren erzählerischen Ambitionen scheitert und zu häufig den einfachsten Weg nimmt, haben sie visuell einiges zu bieten. Die Traumsequenzen spiegeln mit verlassenen Stränden und überfluteten Häusern das Gefühl eines Traums wirkungsvoll wider. Auch das Setting außerhalb dieser Sequenzen ist schön in Szene gesetzt. Die mit hohen Gräsern bewachsenen Wälder, das rauschende Meer und der Leuchtturm, der sein Licht nachts durch jeden Raum schweifen lässt haben mir sehr gut gefallen. Zudem gibt es zwei sehr ansprechende Kamerafahrten im Wald, für die ich immer dankbar bin.
Nachbearbeitung
In der Nachbearbeitung fällt zuallererst der Unterschied in der Farbgebung zwischen Realität und Traum ins Auge. Während die Realität größtenteils auf entsättigte und kühlere Töne setzt, dominieren warme und grünliche Farben die Traumsequenzen, was ich weder als sinnvoll noch als störend empfunden habe.
Leider gehört der Schnitt von Tina Baz und Daniel Darmon zu den größten Schwächen des Films. Besonders in der zweiten Hälfte springen sie zu häufig und plötzlich zwischen Realität und Traum hin- und her. Auch das Ende des Films wirkt überhetzt und wie eine zu simple Auflösung der komplexen Thematik.
Die visuellen Effekte von Lise Fischer kranken derweil an demselben Problem wie der gesamte Film. Sie transportieren zwar verständlich ihren Zweck, scheitern jedoch an der emotional wirksamen Umsetzung. Die schwarze Flüssigkeit, die Nours Träume einzunehmen droht, ist der präsenteste Effekt und funktioniert als erzählerische Metapher für das lähmende Resignationssyndrom, aber fügt sich nicht reibungslos in die Bildgestaltung ein und wirkt teilweise wie ein Fremdkörper.
Musik
Die Originalmusik in The Green Eyes stammt von Amine Bouhafa und ist eine der wenigen Stärken des Films, die mit einer Vielzahl von Klangwelten glänzt. Besonders wirkungsvoll ist sie in den sonnendurchfluteten Wäldern, in denen Nour und Chaya gerne spazieren gehen. Dort entfacht sie ein Gefühl von Nostalgie und Hoffnung, das mich berühren konnte, während die Traumsequenzen von gewöhnlicheren, düsteren Tönen dominiert werden.
Filmkritk
Fazit
Alles in allem überzeugt The Green Eyes mit einer interessanten Prämisse, den starken Naturaufnahmen und der stimmungsvollen Musik, scheitert jedoch daran, das emotionale Potenzial seiner Geschichte und der spannenden Thematik auszuschöpfen. Während zu Beginn eine gute Charaktereinführung und wirkungsvolle Chemie zwischen Chaya und Nour den Film vorantreibt, verliert er durch eine mangelnde erzählerische Entwicklung und den übermäßigen Einsatz von magischem Realismus besonders in der zweiten Hälfte zunehmend an Wirkung.

