Der Roman von Mary Shelley ist der Urvater des Monsterfilms. Zusammengestückelt aus Leichen versucht ein Wissenschaftler Leben zu erschaffen und damit auf dieselbe Stufe wie Gott zu steigen. Doch wie der Titel „Modern Prometheus“ richtig suggeriert: das hat seinen Preis.
Story/Inhalt
Auch hier wurde wie bei Dracula ein Theaterstück herangezogen, um keine Tantiemen für den Roman leisten zu müssen. Weiters versuche ich den Begriff „Monster“ zu umgehen und verwende den passenderen Begriff „Kreatur“.
Der junge Wissenschaftler Henry Frankenstein ist von der Vision getrieben, totem Gewebe wieder Leben einzuhauchen. Abseits seiner Tätigkeit plündert er mit seinem grausamen Gehilfen Fritz Gräber und Galgen, um Material für seine Experimente zu erhalten. Als die Hülle fertig ist, fehlt nur noch ein Gehirn. Doch Fritz unterläuft ein folgenschwerer Fehler: statt eines „normalen“ Gehirns stielt er das Gehirn eines Verbrechers.
Kurz bevor sie das Experiment vollenden können, taucht Frankensteins Verlobte Elisabeth mit zwei Freunden auf. Frankenstein kann sie nicht abwimmeln, sodass sie Zeugen des Experiments werden. Die Energie eines Gewitters haucht der Hülle auf totem Fleisch neues Leben ein. Mit den Worten, die Filmgeschichte schrieben: It’s alive… it’s ALIVE!
Alle Zeugen sind vom Ergebnis nicht so überzeugt wie Frankenstein. Professor Waldmann bietet an, die Beobachtung der Kreatur zu übernehmen. Diese wird jedoch von Fritz mit einer Peitsche und Fackeln gequält, bis das Monster den Gehilfen überwältigt und tötet. Daraufhin wird die Kreatur mit Morphium ruhiggestellt. Frankenstein wird von seinem Vater und Elisabeth nach Hause geholt, um sich zu erholen und auf ihre Hochzeit vorzubereiten.
Während sie ihren großen Tag planen, kann die Kreatur Waldmann überwältigen und entkommen. An einem See trifft die Kreatur auf ein Mädchen, dass keine Furcht zeigt und mit ihm spielt. Als sie Blumen in den See werfen, tötet die Kreatur das Mädchen, indem er es ins Wasser wirft. Der Vater platzt mit dem durchnässten Körper mitten in die Hochzeit. Daraufhin wird die Dorfgemeinschaft zu einem Mob, der mit Fackeln und Mistgabeln das Monster jagt. Die Hetzjagd beginnt.
Schauspieler
Dem damaligen Studiosystem geschuldet, treten viele Schauspieler auch in anderen Franchises der Ära auf.
Colin Clive spielt Henry Frankenstein. Getrieben vom Gedanken, Gott gleichziehen zu wollen, geht er sprichwörtlich über Leichen. Dwight Frye spielt seinen Gehilfen Fritz, ein gewissenloser, aber schludriger Assistent, der nicht nur das falsche Gehirn liefert, sondern auch mit Freude die Kreatur quält. Edward van Sloan spielt Professor Waldmann, der nach Fritz Tod die Bewachung der Kreatur übernimmt.
Mae Clark spielt Frankensteins Verlobte Elisabeth. Frederick Kerr spielt den Baron von Frankenstein. John Boles spielt den Freund der Familie Victor Moritz.
Der Star des Films ist das Monster, gespielt von Boris Karloff. Im Einspieler namentlich nicht genannt (The Monster…?), wird er im Abspann erstmalig mit vollem Namen gezeigt. Karloff sollte die Rolle prägen und durfte in den Fortsetzungen die Kreatur weiterentwickeln (dazu mehr in „Frankensteins Braut“).
Regie
In seinem ersten vierten Film lieferte James Whale einen seiner größten Erfolge. In der Folge drehte er nicht nur die beeindruckende Version von „Der Unsichtbare“, sondern auch die Fortsetzung „Frankensteins Braut“. Ab Mitte der 1930er drehte er nur noch eine Handvoll Filme, die kaum noch an seine großen Erfolge im Grusel anknüpfen konnten.
Nachbearbeitung
Ursprünglich sollte „Dracula“ Bela Lugosi die Hauptrolle spielen – er lehnte jedoch ab, weil er befürchtete unter der Maske von den Zuschauern nicht erkannt zu werden. Lugosi sollte später jedoch in weiteren Fortsetzungen rund um Frankenstein den Handlanger Igor (auch Ygor geschrieben) spielen. Zusammen mit Karloff stellt Lugosi das zweite Gesicht der Grusel-Ära rund um Carl Laemmle jr. dar.
Carl Laemmle jr. ergänzte auch eine Einführung, in der er vor teils verstörenden Inhalt warnte. Bezug nahm dies auf die Szene mit dem kleinen Mädchen am See, die in der ursprünglichen Fassung der Zensur zum Opfer fiel. Nach heutigem Maßstab lächerlich.
Das Maskendesign von Jack P. Pierce basierte auf Entwürfen von James Whale und wurde direkt am Mann, auch unter Hinweisen von Karloff selbst, weiterentwickelt. Das kantige Gesicht, die hängenden Augenlider, und der starre Blick prägen das ikonische Monster und das gesamte Genre bis heute. Auch wenn die Kreatur kein „Zombie“ ist, flossen viele Entscheidungen, die hier getroffen wurden, auch in Verhalten und Aussehen späterer Filme ein (mehr hierzu bei den entsprechenden Beiträgen zu „White Zombie“ und in der späteren Ära der Untoten zu „Night of the Living Dead“).
Hier wurde zum ersten Mal in einem großen Projekt nicht mit fixen Kameras gearbeitet. Bewegliche Kameras führten zu Herausforderungen in Beleuchtung und Tontechnik, die für spätere Filme im Allgemein relevant wurden.
Die Stadt und die Handlung sind eine Mischung aus allen deutschen Einflusssphären. Die Trachten und die Tanzeinlage zur Hochzeitsfeier sind nicht klar zuordenbar. Doch die wunderbare Wortkreation „Burgomaster“ wird auch hier verwendet: immerhin eine wichtige Persönlichkeit, die der Familie Frankenstein nicht nur der Hochzeit wegen, ihre Aufwartung macht.
Dass die Kreatur „böse“ sein soll, wird durch die Auswahl des Gehirns in die Gedanken der Zuseher gepflanzt. Der Mord an Fritz bestätigt diesen Irrglauben: das Gehirn eines Mörders muss natürlich so sein. Dass Fritz die Kreatur quält und die Angst vor Feuer nutzt, um sie in Panik zu versetzen, wird oft ignoriert. Dabei schadet die Kreatur bewusst niemandem: dem Mädchen Maria gegenüber zeigt es sich sanft. Als die Blumen im Wasser treiben, folgert die Kreatur, Maria könne das auch und wirft sie in den See. Als sie jedoch nicht wieder auftaucht, ist die Kreatur zuerst entsetzt, dann verwirrt und verlässt schließlich verzweifelt den Tatort. Auch als sie auf Frankenstein trifft, schlägt die Kreatur ihn erst nieder als er die Waffe hebt. Als sie in der brennenden Mühle gefangen sind, rettet die Kreatur seinen Meister jedoch, indem es ihn aus dem Fenster stößt, während die Mühle über der Kreatur zusammenbricht. Die Kreatur ist also nicht böse, nur missverstanden.
Musik
Nur eine Oper wird eingespielt, aber jedoch nicht namentlich erwähnt, um keine Tantiemen zahlen zu müssen. Wie bei Dracula war das Studio aufgrund der Weltwirtschaftskrise bedacht, Kosten mit allen Mitteln zu sparen.
Filmkritk
Fazit
Der moderne Prometheus ist sich der Tragweite seines Strebens nicht bewusst, bis der Mob mit Fackeln und Heugabeln vor der Tür steht und nach Blut lechzt. Dabei ist die Kreatur nur das Ergebnis der Umwelt: gequält, missverstanden und zuletzt eine verkannte, gepeinigte Seele, die von Vorurteilen und Unverständnis vernichtet wird.

