„Wer schön sein will muss leiden“ ist der Titel eines Songs der Band Oomph. Hier wird die Geschichte von Aschenputtel, auch verfilmt unter dem Titel Cinderella, auf dieses Detail der Geschichte reduziert. Aber der Reihe nach.
Story/Inhalt
Elvira und ihre Schwester Alma sind überglücklich als ihre verwitwete Mutter wieder heiratet und sie in ein wunderbares Anwesen ziehen. Doch das Glück weilt nur kurz: Als der neue Stiefvater stirbt, offenbart die Verlassenschaft, dass beide Familien die Hochzeit mit dem Hintergedanken eingegangen sind, sich am Vermögen der anderen Familie gesundzustoßen.
Elvira und Alma sind den Maßstäben dieses Märchenreichs entsprechend nicht sonderlich hübsch, während die Stiefschwester Agnes gute Chancen hätte, mit dem Prinzen anzubandeln. Doch sie unterhält ein Verhältnis mit dem Stallburschen, dass die Stiefmutter als Vorwand nutzt, um die verwöhnte Stieftochter zur Dienstmagd Aschenbrödel zu degradieren. Gleichzeitig setzt sie viel Geld für die Bildung und Ausbildung ihrer Tochter Elvira ein, um für den Ball des Prinzen in drei Monaten die perfekte Ausgangslage zu haben. Dazu bricht man Elvira die Nase, entfernt ihre alte Zahnspange und sie selbst pflanzt sich einen Bandwurm ein, um ins Kleid zu passen. Der Abend des Balls kommt, und Agnes kann trotz aller Widerstände durch die Hilfe ihrer guten Fee in Form des Geists der Mutter am Ball teilnehmen. Elvira bleibt nur eine Chance: als Agnes um Mitternacht fliehen muss und ihren Schuh verliert, tut sie alles, um in diesen Schuh zu passen – wirklich alles.
Das klassische Märchen wird hier aus Sicht der bösen Stiefschwester erzählt, die mit allen Makeln geschlagen und von Neid zerfressen ist. Agnes ist ein verwöhntes Gör, das zuerst Demut lernen muss, während Elvira eigentlich nur tut, was ihre Mutter verlangt, egal zu welchem Preis.
Schauspieler
Lea Myren spielt Elvira: pummelig, ohne gehobene Erziehung, mit schiefen Zähnen. Doch mit dem Geld der Stieffamilie wird aus dem hässlichen Entlein zumindest äußerlich kurz ein Schwan. Doch dafür muss sie sich die Nase brechen lassen, einen Bandwurm ertragen, erhält künstliche Wimpern und erfährt in der Ausbildung fortwährend die Verachtung der anderen Schülerinnen und Lehrer.
Auf der anderen Seite der Geschichte steht Agnes, gespielt von Thea Sofie Loch Naess (Polaroid, The Last Kingdom). Zuerst ein verzogenes Gör, bricht ihre Welt durch den Tod ihres Vaters zusammen. Die neue Stiefmutter verprasst das Geld für Elvira und nutzt schließlich die Affäre mit dem Stallburschen, um Agnes zur Dienstmagd zu reduzieren. Während ihr Vater weiterhin nicht beerdigt im großen Sall verwest, plant Agnes allerdings die Gunst des Prinzen zu erschleichen.
Ane Dahl Torp (The Quake) spielt die böse Stiefmutter Rebekka. Zuerst glaubt sie, die große Partie mit der Hochzeit gemacht zu haben, da sie selbst weiß, dass sie in die Jahre gekommen und keine gute Partie mehr ist. Als dieser Traum platzt, versucht sie über Elvira zu Vermögen zu kommen. Dafür ist ihr jedes Opfer ihrer Tochter recht, während sie die jüngere Alma komplett vernachlässigt. Als sie Agnes komplett entmachten kann, kommt ihr das noch gelegener. Doch gegen Ende wird sie fahrlässig und muss zuletzt als Mätresse eines jungen, nur begrenzte Mittel habenden Adeligen hinhalten. Hoch gepokert und verloren.
Weitere Rollen spielen Flo Fagerli als Alam, Isac Calmroth als Prinz Julian, Malte Gardinger als Stallbursche Isak, und Adam Lundgren (Arctic Convoy) als Dr. Esthétique.
Regie
Emilie Blichfeldt leistet hier ihren ersten Beitrag, der auch außerhalb von Norwegen gezeigt wird. Davor drehte die 1991 geborene Regisseurin einige Kurzfilme, die thematisch teils nahe an diesem Film liegen. Auch wenn das Märchen bekannt ist, bringt sie doch eigene Elemente in die Geschichte mit ein, achtet aber das Ursprungsmaterial mit Respekt und liefert so einen beachtlichen internationalen Erstling.
Nachbearbeitung
Die Aufmachung und Kleider entsprechen der Zeit, mit viel Liebe zum Detail. Auch die gekochten Gerichte auf den üppigen Tafeln, inklusive der Fliegen wegen der unhygienischen Lagerung, passen perfekt.
Bei der Verwandlung von Elvira nimmt die Regie kein Blatt vor den Mund, beziehungsweise hält drauf, wenn dem Mädchen die Nase gebrochen und in eine Form gequetscht wird. Wenn man ihr die alte, verbogene Zahnspange mit Gewalt entfernt, oder mit Angelhaken und Garn künstliche Wimpern an die Lider näht. Man spürt fast den Schmerz, und die Schreie gehen durch Mark und Bein.
Zuletzt, als alles verloren ist und Agnes mit dem Prinzen in ihre glückliche Zukunft reitet, muss Elvira den Bandwurm, den sie davor geschluckt hat, um Gewicht zu verlieren, loswerden. Auch wenn hier budgetbedingt am Aussehen gespart werden musste, ist es doch wie ein Unfall (man will wegsehen, kann aber nicht), wenn Alma ihrer Schwester hilft, den ekelhaften Passagier aus dem Körper zu ziehen.
Der Höhepunkt ist aber wohl, wenn Elvira ihre Fuß einpassen will, um in den zierlichen Schuh ihrer Stiefschwester zu passen. Mit kühler Präzision setzt sie das Beil an, schlägt mit einem Holzscheit darauf, und verpasst. Unter Schmerzen bittet sie Alma die Tat zu beenden: nur um dann von ihrer spöttischen Mutter zu erfahren, dass es der falsche Fuß sei. Ohne Zögern beendet sie, was Elvira begonnen hat, und verstümmelt dann auch den anderen Fuß.
Musik
Zur Begleitung der Tanzübung für den Ball wird eine Sonate von Beethoven immer und immer wieder gespielt. Ansonsten ist der Score von John Erik Kaada nicht besonders einprägsam.
The Ugly Stepsister Mediabook
Filmkritk
Fazit
Auch wenn einzelne Szenen dieses Bodyhorror für einzelne wahrscheinlich schwer zu ertragen sind, zeigt der Film doch eine realistische Interpretation des Märchens, die auch viele soziale Fragen der damaligen Zeit beleuchtet: obwohl eigentlich alle hoch verschuldet sind, leben sie doch pompös und ausgelassen. Nur um den Schein zu wahren. Doch ist die körperliche Blume mit den Jahren verwelkt, und das Vermögen verprasst, wartet nur das Armenhaus oder eine geschickt eingefädelte Hochzeit. Doch wenn man nicht die Karten hat, um zu gewinnen, helfen Scharlatane wie Dr. Esthétique gerne nach – für rollende Münze oder auch nur die Gunst einer Nacht.


